Götterdämmerung 1939

Sergel-S167
Einsamkeit. Lavierte Federzeichnung auf Bleistiftskizze. Johan Tobias Sergel, 1795

Chronik der Idun 18.11.1939„In Götterdämmerung sinkt die Welt.“ In dem ersten der beiden Gedichte rapportiert Nils Ferlin die politischen und militärischen Ereignisse der ersten Monate des 2. Weltkriegs. Seine Chronik, Schlagzeilen des Krieges im hämmernden Rhythmus eines Telegraphen, stand in der schwedischen Wochenzeitung Idun mit Datum vom 18.11.1939.

„Um die Erde jammert das All.“ Ein apokalyptisches Bild zeichnet Nils Ferlin in dem zweiten Gedicht, das sich in seinem 1938 erschienenen Gedichtband „Goggles“ findet: Der Tod beweint die verheerte Erde.

Chroniken der Idun
18.11.1939

Preise steigen für Salz und Hering.
Schweden verliert seinen Holzexport.
Deutschland verliert das Öl aus Rumänien.
Pinneberg fragt im Ratesport:
Wie wird das enden, besehen bei Licht?
Die Antwort weiß selbst der Magister nicht.

Preise steigen für Schnaps und Butter.
Sinkenden Wert hat gesunde Vernunft.
Rabe und Krähe bekommen Futter
nun gratis aus Meer und Luft.
Was man immer im Radio hört,
Glauben stärkt und Stärke beschwört.

Reden prahlen, Ängste mahlen.
Wenig Ehre und viel Geschwätz.
Tausend Lügen von Lügenzentralen
kommen zu uns durch das Rundfunknetz.
Andre Sprachen so mancher spricht –
wo die andren wohnen, das weiß man nicht.

Frei zu atmen ist Recht von allen,
sowohl von Einzelperson wie Staat.
Räder rollen und Würfel fallen.
Hitler hat Glück im Attentat.
Hitler und Stalin Hand in Hand
besuchen befreiend jedes Land.

Polen verraucht in Nebelschwaden,
Panzer knattern hinein in das Land.
Finnlands Schicksal am seidenen Faden.
Holland und Belgien im Wartestand.
Rußland macht seine Fäuste krumm,
winkt einen Gruß ins Baltikum.

Friedenssignale uns Hoffnung machen,
doch sie erinnern an jenes Geschehn,
als Hahn und Pferd einander versprachen,
daß keiner dem andern tritt auf die Zehn.
Großbritannien vornehm blickt.
Mussolini macht Pokergesicht.

Karten mischen! Das Spiel muß laufen.
Neues Spiel und neues Gebot.
Bube für König könnte man kaufen,
und niemand weiß, wer bekommt den Pott.
Karten mischen – das Blatt nun fällt.
In Götterdämmerung sinkt die Welt.

Der Tod

Still geht der Tod über Winterland
tief bekümmert und trauernd,
trägt keine Sense in der Hand,
geht nur still und bedauernd.
Um die Erde jammert das All,
bitter beweint der Tod ihren Fall
– geht über windloses Winterland
tief bekümmert und trauernd.

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