Lieder der Langeweile


1.

Im wunderschönen Monat Mai,
als alle Knospen sprangen,
da hat die Langeweile
am ärgsten angefangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
als alle Vögel sangen,
die Lieder der Langeweile
in meinem Herzen klangen.


2.

Es ist ein ewiges Klagen,
ein ewiges “Ach Herr Je”,
dem einen tut’s weh im Magen,
dem andern im Kopf tut’s weh.

Es klagt der Herr Amtesrichter,
es klagt der Herr Schultze laut,
es klagt der Schwede, der Dichter,
der düster zu Boden schaut.

Da bläst der gute Herr Strange
so heiter im lustigen Horn,
in traurigen Ohren vom Klange
es geht ein scharfer Dorn.


3.

Morgens steh’ ich auf und frage:
Wird etwas heute geschehn?
Abends schlaf ich ein und sage:
Auch heut’ ist nichts geschehn.

So es geht von Tag zu Tage,
ew’ges, trübes Einerlei
–  ach, du bist mir eine Plage,
wunderschöner Monat Mai!


4.

Ich werde sie niemals vergessen,
die Würste von Fett und Blut,
ein seltsames deutsches Essen,
doch schmeckt’s dem Herrn Strange gut.

Ich wollte, ich wollte indessen,
ich hätte den Heldenmut,
die seltsamen Würste zu essen,
die Würste von Fett und Blut.


5.

Die Wolken ziehen nach Norden,
mir scheint, daß die Wolken reden,
mir scheint, daß sie reden und sagen:
Folg mit, folg mit nach Schweden!

Ich wollte, ich wäre im Norden
und kaute die Roggenkrusten
und äße gekochte Kartoffeln
und stürbe von Schnupfen und Husten.


6.

Und wäre ich nicht der Schwede,
ich wünschte, ich wäre der Hauptmann,
er singt und er lacht und er jauchzet,
er ist ein Glücklicher, glaubt man.

Nicht ihm mit Seufzen und Klagen
die selige Ruhe beraubt man
–  er ist die Oase der Wüste,
ich wollte, ich wäre der Hauptmann.


7.

Ich wollte, ich wäre gescheiter
als ich von Natur es bin,
dann könnte ich Antwort geben
der klugen Frau aus Berlin.

Sie hat mir gesprochen von “Edda”
–  ich habe gesagt: “Ach so!”
Sie sagte: “Do you speak English?”
und ich ein verworrenes “No!”.


8.

“Herr Schultze, wollen Sie schmeißen?”
Herr Schultze, er sagt: “Ja wohl!”
Wir schmeißen in Tagen und Wochen,
wir schmeißen den Ring wie toll.

Und Tage und Wochen vergehen,
wir schmeißen tagein tagaus
–  die furchtbare Langeweile,
die schmeißen wir nicht hinaus.


9.

Trübe und finster trauert der Himmel,
gewitterweissagend zieht der Wind heran.
Leise, leise weht der Wind in den Bäumen
–  spricht er von nahenden Schicksalsschlägen,
saust er von herzzerschmetterndem Unglück,
oder spricht er die dumpfe
Sprache der Langeweile?

Ziehen vorbei mit gesenkten Köpfen
die lieblichen Frauen und Fräulein,
dicht auf den Fersen gefolgt von
trauriger, düster blickender Männerschar,
trübselig schnurrbartkräuselnd,
halblaut fluchend,
seufzend aus langweiligen Herzen tief.

Dunkler wird es im Garten,
die Vögelein schweigen.
Es donnert ein Donnergepolter
– nicht aus den Wolken,
sondern
aus der unheimlichen, spukenden Kegelbahn,
wo der junge Graf Wlapsky
zornig gegen die Kegel losgeht,
um den in Wolken nahenden Zeus
herauszufordern zum Kampf.

Höret ihr nicht, ihr Männer,
nicht das Sausen der Flügel der Schwermut,
fühlet ihr nicht die Schwüle der Langeweile,
die aus dem Reiche der Schatten steigt?
Reißet die Fesseln entzwei,
die Fesseln der Langeweile,
lasset uns mutig gewaltigen Schrittes
nach dem “Blockhaus” stürmen
und da ertränken
das Elend des Daseins
in schäumendem tiefbraunfarbenem Bier!


10.

Vorüber ging das Ungewitter,
der Abend kommt, der Mond ist da,
aus dem Gemach des Himmels tritt er
und ist so hold und bleich, ach ja!

Die kühlen Abendwinde wehen,
die Rosen duften wundervoll,
es klingt ein Lied durch die Alleen,
ein sanftes Wehmutslied in Moll.

Ist dies die süße Philomele?
Es stirbt so fein melodisch hin.
Ach nein, das Lied kommt aus der Kehle
der holden Frau Professorin.

Sie singt und blicket an die Sterne,
sie seufzet “Ach!”, sie seufzet “Au!”
–  Nach dem Professor in der Ferne
wohl sehnt sich des Professors Frau!


11.

Mühsam wird dem Müßiggänger
doch zuletzt der Müßiggang,
und er wird zum Minnesänger,
und er geht zum Wettgesang.

Treten vor zwei edle Streiter,
schwingen hoch den Hut: hurra!
Und der eine heißt Herr Reuther,
und der andre heißt “Ach Ja”.

Stürzen dann mit scharfen Reimen
tapfer aufeinander los,
die Pegasen wild sich bäumen
und das Schauspiel ist famos.

Nervenheil’ge Frauen schauen
gnädighold die Kämpfer an,
und sie blinzen mit den blauen
Augen dem, der Sieg gewann.

Zweimal bin ich schon geschlagen
vom Reutherischen Talent  –
doch noch einmal will ich’s wagen,
Himmel  –  Herrgott  –  Sakrament!


12.

Von dem Feste will ich singen,
von dem Fest im großen Saale,
von den traurigmuntern Spielen
bei der punschkristallnen Schale.

Von der punschkristallnen Schale
und ambrosischsüßen Eise,
von den Heilanstaltenfreuden
an dem Strand der schönen Neisse.


13.

Es hüpfen die Liebesgötter
vergnügt am gemalten Dach,
es leuchten die Lampen und Lichter
im schimmernden Festgemach.

Es lachen die weißen Kaiser
herunter gar gnädiglich,
Herr Wilhelm der Alte, der Junge,
der gute Herr Friederich.

Sie können sich gar nicht halten
vor Lachen und Heiterkeit,
als sie die Gesellschaft schauen,
die sich auf die Stühle reiht.

Die bunte Gesellschaft kichert
und spielt das “Mager und Fett”,
es scheint den weißen Kaisern
gar niedlich und hübsch und nett.


14.

Wie die alten Senatoren
saßen einst im alten Rom,
als herein die Galler stürmten
wild in den geweihten Dom,

so Herr Strange, so Herr Schultze
saßen in dem Sofa still,
ruhig blickend, ruhig horchend
an das wilde Vaudeville.

Schreiet, tobet, ihr Barbaren,
toll und greinenden Gesichts,
dem Herrn Strange, dem Herrn Schultze
tut es weniger als Nichts.


15.

Und das Fest ist schon vorüber
und ich denk’ an meine Heimat,
an der Jugend Liebesgrübel
in dem Halblicht der Polarnacht.


* * *


Gustaf Fröding. 1890 (Original in deutsch)


Philomele   Klassischer Beiname der Nachtigall.
‘Ach ja’   Spitzname von Gustaf Fröding bei seinen Leidensgenossen.