Fredmans Gesänge. Eine Einführung.

Von Gunnar Hillbom.

Carl Michael Bellman. Ölgemälde von Per Krafft d.Ä. 1779


“DER SCHWEDISCHE Anakreon” wurde Carl Michael Bellman von seinen Zeitgenossen genannt, von den Freunden des Gesanges in der Stadt Stockholm und am Hofe König Gustafs III. Der Vergleich mit dem Meistersänger der griechischen Antike war natürlich eine große Ehre, und Bellman ist einer solchen Ehre wahrlich würdig. Doch muß man seinem jüngeren Dichterbruder Johan Henrik Kellgren recht geben, wenn dieser in seinem Vorwort zur Originalausgabe von Bellmans Liederdichtung sagt, daß solche Vergleiche oft schädlich, immer falsch sind. Kellgrens Warnung zum Trotz bin ich versucht, eine Parallele zu Bellman aufzuzeigen – wenn ich mir auch durchaus der Tatsache bewußt bin, daß ich damit seine Dichtung einseitig, nämlich aus der Perspektive des “Empfängers” beleuchte: In Schweden nimmt Bellman eine Stellung ein, die man nur mit der seines Zeitgenossen Robert Burns in Schottland vergleichen kann. Ebenso wie dieser wurde Bellman im romantischen Sinne als ein echter Volkssänger verstanden, als das poetische Genie der Nation. Die Entwicklung der letzten Zeit – nicht zuletzt in Deutschland – zeugt davon, daß Bellmans Liedpoesie ebenso wenig wie bei Burns eine lokale folkloristische Angelegenheit ist, die sich auf ihr eigenes Sprachgebiet begrenzt.
    Es gibt Lieder von Bellman, die jeder Schwede ebenso gut kennt wie die Nationalhymne. Ich denke dabei vor allem an Vater Noah und an Haga. Beide gehören sie zu Fredmans Gesängen.

FREDMANS GESÄNGE sind der zweite Teil der einzigen Sammlung von Bellmans Liederdichtung, die zu seinen Lebzeiten herausgegeben wurde (1790/91). Der erste Teil, Fredmans Episteln, umfaßt 82 Lieder, in denen der trunkene Uhrmacher Fredman die Hauptperson ist – ein Apostel in Diensten des Gottes Bacchus und der Göttin Venus, ein herunter­gekommener Trinker; er ist die Stimme des Sängers, er predigt, schwadroniert, meditiert und kommentiert. Auch wenn ein übergreifender Entwurf nicht so leicht zu erkennen ist, so sind die Episteln doch ein zusammenhängender Liederzyklus, zum größten Teil in rascher Folge Anfang der 1770er Jahre entstanden. Bellman selbst, seine Zeitgenossen und die Nachwelt sind sich darin einig, daß die Episteln die originellste Schöpfung des Dichters sind.
    Fredmans Gesänge dagegen sind eine sehr bunte und recht unterschiedliche Sammlung von Liedern, die im Laufe von Bellmans ganzem Dichterleben entstanden sind. Der Name “Fredman” ist als ein loses Etikett aufgeklebt worden von einem Herausgeber, der den beiden Bänden zwei ähnlich lautende Namen geben wollte. Der alte Uhrmacher kommt nur dreimal vor: einmal ist er Gegenstand einer parodistischen Begräbniszeremonie (→ Gesang 26), und zweimal wird er ganz nebenbei erwähnt (→ Gesänge 28 und 58). Nein, dies sind nicht Fredmans, sondern Bellmans eigene Lieder, geschrieben während verschiedener Phasen seines Lebens und für unterschiedliche Zuhörer, vom fröhlichen Freundeskreis seiner lebensfrohen Jugendjahre bis hin zu den Mäzenen des etablierten Künstlers in den vermögenden Bürgerkreisen und am Hofe. Doch es ist nur eine sehr kleine Auswahl. Als die 65 Gesänge herausgegeben wurden, hatte Bellman mehr als tausend heute bekannte Lieder geschrieben und außerdem hunderte von anderen Texten in Poesie und Prosa: Schauspiele, religiöse Betrachtungen, Gelegenheitsgedichte, hochgestimmte patriotische Gedichte und vieles andere.

IN EINEM VORWORT eine zusammenfassende Charakteristik einer Gedichtsammlung wie Fredmans Gesänge zu geben, ist ein Ding der Unmöglichkeit, dazu ist sie allzu reich an Kontrasten. Man vergleiche z. B. die beiden Gesänge, die den meisten Schweden zuerst in den Sinn kommen, wenn sie den Namen Bellman hören – Nr. 35, Vater Noah, und → Nr. 64, Haga. Der eine ist ein grob geschnitzter, naiv anmutender Holzschnitt, der andere eine feine chinesische Tuschzeichnung – es drängt sich oft ein Vergleich aus der Bildkunst auf, wenn man versucht, Bellmans Lieder zu beschreiben; das Bildhafte dominiert über das Erzählerische. Die beiden genannten Gesänge repräsentieren die zwei stärksten Richtungen in dieser Liederdichtung: den bacchanalischen Gesang und die Naturschilderung.
    Das bacchanalische Lied ist das Genre, das in Fredmans Gesängen dominiert, wie überhaupt in Bellmans Liederdichtung. Es ist die Art der Dichtung, die vor allem zu seinen jungen Jahren gehört, den 1760er Jahren, noch bevor er dreißig wird. Diese Lieder sind es natürlich, die ihm früh den Beinamen “der schwedische Anakreon” einbrachten. Der deutsche Leser mag vielleicht die Betonung auf “schwedisch” legen. Mit den Dichtern, die eine Generation früher die deutschen Anakreontiker genannt wurden, wie Gleim, Gessner oder Klopstock, hat der junge Bellman nicht viel gemeinsam, auch wenn er sie sehr schätzte. Nein, seine Lieder handeln nicht vom guten Wein und dem Rausch als einem angenehmen, beherrschten Genuß. Bei Bellman trinkt man unmäßig, je mehr man säuft und je stärker die Getränke sind, die man säuft, umso besser. Da fordert Bacchus kompromißlose Hingabe von seinen Anhängern:

                  Saufen bis nach Mitternacht,
                  leben als Verrückter!
                  Erd ist mir als Bett gemacht,
                  Sonne ist mein Lüster.

NUR WENIGE von Bellmans bacchanalischen Liedern sind Trinklieder in des Wortes eigentlicher Bedeutung – Lieder, in denen die Stimme des Sängers Bellmans eigene Stimme ist und in denen wir Zuhörer wirklich aufgefordert werden, mit ihm zu trinken. Viel häufiger sind es Lieder, in denen der Sänger mit seiner Stimme, mit Gestik und Mimik die Rolle des Trinkers spielt. Zu diesem Liedtyp gehört der soeben zitierte Gesang 10, dazu gehören auch Fredmans Episteln und viele, viele andere.
    Es sind aber durchaus nicht nur Säufer, die Bellmans Repertoire ausmachen. Vor allem in seinen allerfrühesten Liedern gestaltet er eine Menge unterschiedlichster Typen aus dem Stockholmer Stadtleben, oft in der Ich-Form: Die alte Frau im Armenhaus, den beleibten Bankmagnaten, den schwadronierenden Offizier, den ernsthaften Geistlichen, den einfachen Bauern usw. Früh wurde das Wort “Rollenlied” geprägt als Fachausdruck für Bellmans Liedkunst, eine sehr gelungene Bezeichnung, da sie andeutet, was den Anstoß zu dieser Dichtung gab, die so anders ist als das meiste, was in der Zeit des Rokoko entstand: Bellman als “Kabarettist”, der Charaktere und Verhaltensweisen in Gesang und Auftreten nachahmen konnte.
    Schon früh, etwa mit 25 Jahren, begann der Darstellungskünstler Bellman sich mehr und mehr auf die Rolle des Trinkers zu spezialisieren – man kann sich vorstellen, daß diese Spezialisierung von einem begeisterten Publikum gefördert wurde, das eben diese Art der Unterhaltung wünschte. Vorbilder gab es genug in Stockholm. Die Zeiten waren schlecht, und viele heruntergekommene Handwerker und entlassene Soldaten griffen zur Flasche, um im Rausch ihr Elend und ihre Hoffnungslosigkeit zu vergessen. Fredman war einer von ihnen, auch Mollberg, Movitz und all die anderen Figuren, denen wir bei Bellman immer wieder begegnen.
    Doch Bellman war ein viel zu begabter Künstler, um sich auf Dauer mit der einfachen Saufkomik zu begnügen, die viele seiner frühen Lieder prägt. Indem er die armen Säufer in eine soziale Umgebung stellte, in der sie durchaus nicht zu Hause waren, schuf er einen neuen Typ des bacchanalischen Liedes, in dem es nicht mehr sie selbst waren, über die man lachte. Die ersten sechs Gesänge sind einem umfangreicheren Dichtwerk entnommen, in dem Bellman in Form von Liedern und kleinen Theaterstücken seinen Spaß treibt mit dem ebenso beliebten wie pompös rhetorischen und zeremoniellen Ordenswesen seiner Zeit. In den Gesängen 47-54, einem kompletten kleinen Theaterstück in acht Bildern, ist das Prozeßwesen der Zeit mit seinen die Gesetze verdrehenden Branntweinadvokaten und bestechlichen Richtern die Zielscheibe des Gaukelspiels.
    In Fredmans Episteln hat Bellman eine Liederdichtung geschaffen, in der er immer noch seine Künstlerrolle als Trinker spielen kann, wo aber das bacchanalische Thema einer poetischen Schilderung der Stadt als Lebensmilieu weicht, gesehen aus der Perspektive des im gesellschaftlichen Abseits Stehenden. Hier ist der Sänger kein Gaukler mehr, und auch wenn die Lieder noch immer Grotesken sind, so erkennen wir doch nun wirkliche Menschen in ihrer wirklichen Umgebung – es sind Lieder über das allgemein Menschliche. Einer von Fredmans Gesängen steht den meisterlichsten Episteln sehr nahe und gehörte vielleicht ursprünglich zu dieser streng gesichteten Sammlung: die Nr. 55 mit der Schilderung von Baggensgatan, der Bordellgasse.

DIE GESCHICHTE, wie ein Künstler zum Gefangenen seines eigenen Rollenfaches wird, wiederholt sich zu allen Zeiten; aber Bellman wurde nie ein Gefangener des bacchanalischen Faches – “ein König unter den Saufbolden”, wie ein bösartiger Plagiator ihn nannte, oder, ehrenvoller ausgedrückt, der “Schwedische Anakreon”. Bellman war zwar der Dichter seiner Stadt, aber das alte Stockholm war nicht nur eine Stadt der engen, dunklen Gassen und der Kneipen, sondern auch die Stadt der Wasserflächen und der Parks.
    Im Angesicht der Natur läßt Bellman die Maske fallen – der Schauspieler, der daran gewöhnt ist, die Szene zu beherrschen, wird zum beobachtenden Dichter, der sich von der Schönheit überwältigen läßt, die er im Mikrokosmos der Blumen und Insekten ebenso entdeckt wie im Panorama der weiten, offenen Landschaft. In den Liedern über die Stadt steht der Mensch mit seinen existenziellen Nöten im Mittelpunkt, das sind die Lieder des Imitators, des Szenenkünstlers. In den Liedern über die Natur vor Stockholms Toren ist der Mensch Staffage, und der Sänger selbst tritt zurück hinter dem Natureindruck, den er in seiner Lyrik vermitteln will.
    Bellmans Naturlyrik ist, im Vergleich zu seiner bacchanalischen Lyrik, nicht sehr umfangreich. Aber zu ihr gehören einige der Lieder, die ihn so liebenswert machen und ihm seinen Rang als größten Lyriker Schwedens gegeben haben. Einige der schönsten stehen in Fredmans Gesängen: die pastorale Fischeridylle Auf, Amaryllis (→ Nr. 31) , das göttlich schöne Abendlied (→ Nr. 32) und das Lied, das öfter als jedes andere auf Schallplatte eingespielt wurde, “Haga” (→ Nr. 64) . Die breiteste und reichste Naturschilderung finden wir in dem langen Gedicht, mit dem der Zyklus abschließt, einer Huldigung an Gustav III., an welcher der Dichter die ganze Natur sowie die Menschen der Stadt und der Umgebung teilhaben läßt. Es gehört nicht zu dem wohlbekannten Repertoire Bellmans, vor allem weil es kein Lied ist, sondern ein Gedicht.

DIE MUSIK spielt im Werk Bellmans eine ausschlaggebende Rolle, die Melodien haben seine Lieder durch die Jahrhunderte am Leben erhalten. Als Musiker war Bellman Parodist, d. h. er wählte, ebenso wie unsere heutigen Unterhaltungskünstler, oft bekannte Melodien für seine Lieder. Daß seine frühen bacchanalischen Gesänge die französische Liedtradition durchklingen lassen, beruht nicht zuletzt darauf, daß die Melodien aus französischen Operetten und von älteren französischen Liedern entlehnt sind. Aber wenn man das Verhältnis zwischen Wort und Ton in Bellmans Liedern mit dem seiner musikalischen Vorlagen vergleicht, so hat man – zumindest als moderner Zuhörer – oft das Gefühl, daß Bellman die Ausdrucksmöglichkeiten dieser Melodien besser begriffen hat als seine Vorgänger. Der Gesang 5b, Schau schwarzer Welle weißen Kamm, ist zu der alten Tanzmelodie “Folie d’Espagne” geschrieben worden. In der älteren schwedischen Liedtradition war diese vor allem als Melodie für ein komisches Hirtenlied und für ein revanchistisches politisches Lied aus der Zeit nach Carl XII bekannt. Für uns erhält die tief melancholische Moll-Melodie ihre rechte Bedeutung in der ergreifenden Todesvision von (→ Gesang 5b). Oder der mächtige Begräbnis-Chor Hört Glocken mit angstvollem Ton (Gesang 6); die Melodie mit ihren wenigen einleitenden Tönen läßt die Glocken erklingen, die an der Bahre des Ritters Lundholm läuten, der sich zu Tode gesoffen hat. Bellman entlieh die Melodie einer französischen Operette, dort begleitet sie ein Liebeslied an ein fünfzehnjähriges, unschuldiges Mädchen.
    Sehr oft verwendete Bellman auch rein instrumentale Melodievorlagen, mit dem gleichen sicheren Gefühl für den musikalischen Ausdruck. Episteln, die einen Ball in einem Wirtshaus beschreiben, sind natürlich zu den Tanzmelodien geschrieben worden, nach denen die Menschen tanzten. Die auffordernde Marschmelodie zu Gesang 21, So trotten wir gemach und fromm, kommt als instrumentale Hintergrundbegleitung zur Todesarie in der schwedischen Oper Gustav Wasa vor. Die schwerfällige Melodie zu dem Lied, welches das ungastliche Sumpfland in Gesang 58 beschreibt, beruht auf einem Thema aus Haydns Symphonie “Der Bär”.
    Bellmans außergewöhnliche Fähigkeit, einerseits Verse an gegebene Melodien anzupassen und andererseits Melodien so zu verändern, daß sie zum Vers passen, hat natürlich Anlaß zu der Frage gegeben, ob er stets nur Melodien lieh, oder ob er nicht auch zu einigen Liedern eigene Melodien erfand. Da wir nicht alle Melodien kennen, die Bellman gehört haben könnte, muß die Frage letztlich unbeantwortet bleiben. Bei einigen Liedern könnte tatsächlich Bellman der Tonschöpfer gewesen sein, denn längst nicht alle Bellman-Melodien konnten auf bereits vorhandene Melodien zurückgeführt werden. Zumindest eine der Melodien in Fredmans Gesängen ist ganz sicher ein Originalwerk: die verrückte Melodie zu der kuriosen Kleinstadt-Persiflage Gripsholm ist doch sehr vergnüglich (Nr. 33). Es ist ein musikalischer Spaß, der freilich nicht allzu viel dazu beiträgt, Bellmans Ruf als Tonschöpfer zu stärken.
   
UNABHÄNGIG DAVON, ob Bellman in manchen Fällen selbst der Komponist war oder nicht, er ist und bleibt ein großer Musiker in seiner Kunst, den Worten mit Tönen Farbe zu geben und musikalische Gedanken in Worten auszudrücken.

 
Vorwort zu: Carl Michael Bellman. Band II: Fredmans Gesänge. © 1998