Fredmans Gesänge, Nr. 5

Mein Herr!

So oft ich dazu Gelegenheit habe, versäume ich nicht, Ihnen zu schreiben als einem lieben Freund; aber meine Briefe werden, in Anbetracht der vielen Arbeit für meinen König und dessen Krone und Länder, nicht so lustig und heiter, wie ich es wünschte, sondern ebenso matt wie meine Gedanken an diesem Posttag, denn ich traure! Sehen Sie, der vormalige Notarius am Gericht der südlichen Vorstadt und spätere Primarius am Gericht der nördlichen Vorstadt, Herold in Bacchi Ordenskapitel, Herr Johann Glock, ist Anfang dieses Monats mit dem Tode abgetreten; zu seinem Gedächtnis wird nun am 11. August eine Feierlichkeit abgehalten vom Zeremonienmeister, Orator des Ordens und Tanzmeister im Chore, Janke Jensen. Hierbei wird so wenig Prunk stattfinden wie möglich; keine Prozession mit Lärm und Getöse, nicht der leiseste Paukenschlag, wenn der neue Herold das Ordensbanner trägt. Es werden verschiedene Personen genannt, die für würdig angesehen werden könnten, das Amt unseres Verstorbenen im Capitel weiterzuführen; man rätselt, auf welchen von ihnen das Los fallen könnte, im Hinblick darauf, daß das Amt des Herolds ein Poste d’honneur ist, sofern die Kandidaten den Rittern des genannten hochangesehenen Ordens gleichgestellt sind. Die Verdienste unseres dahingeschiedenen Herolds sind vortrefflich in Bacchi Reich, und seine Gruft wird geehrt mit Trauben und Cantaten und seine Asche benetzt mit Hoglandswein und Bier.Die Glocken sollen läuten im Tempel, danach soll sich der Orator erheben und eine dem Anlaß angemessene Rede halten, worauf die Feier schließt mit einer Elegie oder einer Trauerkantate sowie einigen Gedichten über Bacchi Säfte und die Freuden berauschter Männer und die Gedankenspiele taumelnder Frauen, über die Verachtung des Kummers der Welt bei Glas und Bouteille und über den Himmel, der sich über den Ländern des Bacchus wölbt.

Ich möchte Sie mit einigen der von den Ordensbrüdern bei dieser Gelegenheit verfaßten Grabzypressen ermuntern, zum Beispiel:

So wandern unsere Helden dann
vom Lichte in das Dunkel.
Hier liegt nun dieser Rittersmann
in goldner Sau Gefunkel
und fahl im Grabeswinkel glimmt,
gehüllt in nichts als Kränzen,
ein Mann, vortrefflich, weitberühmt,
in Bacchi Spiel und Tänzen.

Gebrochen wird dein Heroldstab
von mir, von dir, vom Tode,
auch deine Flasche überm Grab!
Sie singt die Schicksals-Ode.
Ein jeder Tropfen, da du starbst,
verbreitet blanke Strahlen,
um Winter, Sommer, Frühling, Herbst
und Nacht und Tag zu malen.

(b)
Hoffnungsvolle Trauervision, bei Johann Glocks, Bacchi Ordens-Capitels Herolds, Abgang von der Erdkugel, kundgetan von Herrn von Ehrensau, im Vergoldeten Drachen am Abend des 11. Juli 1770.

Schau schwarzer Welle weißen Kamm,
Sieh, Charon auf ihm reitet,
wringt seinen Bart wie einen Schwamm
und mit dem Boot arbeitet.
Sein Ruder schlägt die Woge wild,
die Woge, sie schlägt wieder;
aus Himmels offnem Fenster quillt
ein Schauer prasselnd nieder.

Vergänglichkeit, dein Feld sich zeigt,
dein Schwarz läßt mich erblinden,
mein Glock in Charons Nachen steigt
vom Sturm verschluckt und Winden.
Lebwohl mit Doppelbier und Wein,
mit Gläsern in den Händen!
Dein Kiel, mein Freund, schon bald wird sein
an elysee‘schen Stränden.

(c)
Eine goldene und blumenreiche Urne, in heiliger Einfalt beigesetzt auf den Elysischen Feldern, am 8. Tage im Heumond 1770 in Tumulo Glockii, von Kämpendal, dem derz. Ersten Herold des Bacchi Ordenskapitel.

So schlägt mein Glock den Deckel zu
am Humpen, um zu wandern.
Wohin? Wo du hast Rast und Ruh
als Schatten unter andern.
Prosit! Dein Weg führt zum Verfall,
wird dich der Lust entrücken;
doch prusten wir im Erdental
dein Lob in tausend Schlücken.

Getrunken hast du deinen Saft,
gelernt die Traube pressen
gewissenhaft mit Kunst und Kraft,
um deinen Schlund zu nässen.
Die Hülle ist an diesem Tag
vom Weine naß und mostig,
so daß dem Tod beim Sensenschlag
das Sensenblatt wird rostig.

Ach! deine Zunge ward zum Lohn
vom Honige umgossen,
und als du standst vor Bacchi Thron,
wie war sie stumm verschlossen!
Wie bleich die Lippen, schmal und schlapp,
die Süße nun entbehrten!
Wie sich das Paradies zum Grab
und Lust in Elend kehrten!

Wohlauf! Prosit, mein Bruderherz!
Ich trink auf dich am Grabe,
betrete deine Gruft mit Schmerz
und wanke mit dem Stabe.
Der Durst macht dir nicht länger Qual,
mir will er ‘s Hirn verdummen;
die Urne wird von Kämpendal
gefüllt mit Wein und Blumen.