Fredmans Episteln, Nr. 36

Über Ulla Winblads Flucht.

Schön Ulla lag im Bette zur Ruh,
schmiegt’ in die Hand die Wangen,
und keinem als dem Krüger stand es zu,
an ihre Tür zu langen.
Drin im Kruge, glaube mir,
war ’s wie zur Nacht so stille,
weder Wein gab ’s, weder Bier
noch Wassertropfen viele.
Froh indes der Wirt beginnt
auf Zeh’n ums Bett zu wandern,
zupft die Decke, guckt und grient
und flüstert mit den andern.
Ulla zittert,
schnarcht und wittert,
zieht die Decke übers Ohr,
kuschelt hold sich,
strampelnd rollt sich,
lächelnd lugt hervor.

Nach Regen wölbt ein Bogen sich grell
und bunt im Fenster glitzert,
und unterm Dach im Vogelbauer hell
des Krügers Hänfling zwitschert.
Und des Zephirs lauer Hauch
rüttelt an Fenster und Haken;
Ulla schrickt im Schlafe auf
und wälzt sich auf dem Laken,
windet sich und wickelt sich,
kratzt sich an Brust und Armen,
weint im Schlafe bitterlich
und rauft sich zum Erbarmen.
Einmal lacht sie,
dann erwacht sie
aus dem Traum zur Morgenzeit,
streckt die Glieder,
nimmt ihr Mieder,
knöpft ihr Unterkleid.

Mit Rosenwasser, duftendem Wein
die Brüste sie benetzte,
ihr Perlenkettlein nahm aus dem Schrein
und Flor am Hute setzte.
So als ob in Paphos’ Land
Venus vom Schlafe erwachte,
alles Leid sofort verschwand,
und Amor Lust entfachte,
so den armen Krüger jetzt
gleich Angst und Wollust lähmte,
als sich Ulla niedersetzt’
und ihre Locken kämmte.
Gäste, Zehrung,
Trank, Ernährung
er vergaß in seiner Qual,
Debitoren,
Kreditoren,
Jungfern und Fiskal.

Drei Grazien mit Puder und Tand
um Ullas Stirne flogen,
Kythere sang und Liebe umwand
die dunklen Lockenwogen.
Da ein Zephir zu ihr flog,
mit einem Schminktopf beladen,
und ein zweiter Düfte sog
durch Locken und Pomaden,
und am Herd ein Cupidon
die Lockenzange glühte;
einer schnob im grimmen Ton,
daß Glut und Feuer sprühte,
zu entfachen
Qual und Lachen,
und der Krüger, starr von Schmerz,
schloß die Augen,
einzusaugen
Lust ins brennend Herz.

O Engelsbild, o lächelnder Mund,
o ihr entblößten Brüste,
ach, Himmel! ihr verheißt jede Stund
des Paradieses Lüste.
Mehr jedoch als diese Pracht,
Freude bereitend und Qualen,
üben ihre milde Macht
der Augen holde Strahlen:
Blickt sie auf, brennt Lieb und Harm,
schlägt sie die Augen nieder,
wallt das Blut bald kalt, bald warm,
und peinigt alle Glieder.
Ihrem Sange
lauscht man lange,
solche Stimme, klar und rein
und geschmeidig,
das beeid ich,
hat nur sie allein.

Nie sah man je den Krüger so quick
und nimmermüde hüpfend,
um Ullas Beine, Liebe im Blick,
ihr Strumpfband sorgsam knüpfend,
zog Sandale hin und her,
schrubbte und bürstete zitternd;
gähnte sie, so gähnte er,
mit wacher Nase witternd.
Leuchtend gelb ihr Seidenschal
ihren Hals verbrämte
und die Brust, die noch einmal
die wilde Lust bezähmte.
Dunkel schwangen
und sich schlangen
Locken um den Nacken frei.
Mieder spannte,
Brüste bannte
rot mit Stickerei.

Und Ulla, in die Stola gehüllt,
getupft mit Pontac-Flecken,
am Schanktisch ihre Tasse sich füllt,
den Magen aufzuwecken.
Zwieback mit geübtem Griff
sah man die Schöne nun brechen.
Amor glomm im Glase tief
und Bacchus auf den Flächen.
Neu belebte die Natur
mit Freiheit, Lust und Glücke
Reiche mit der Silberuhr
wie Bettler mit der Krücke:
Ullas Ziere,
Weine, Biere,
Lust für Götter selbst genug!
Nicht an jedem
Platz in Schweden
gibt es solchen Krug!

Doch – Himmel! – alles ändert sich jäh,
die Erde will versinken;
denn auf die Schwelle furchtbar ich seh
drei krumme Krüppel hinken:
den mit Degen, schief und scheel,
mit einer Leine den andern,
blind den dritten, meiner Seel,
die binden die Nymph und wandern.
Himmel, welch Geschrei! Alarm!
Ach, Ullas Rufe sehren.
Jeder Gast erblaßt in Harm,
dem Krüger rinnen Zähren.
Leer die Bänke,
öd die Schenke,
und am Tisch, an dem sie saß,
liegt entrungen
und zersprungen
Ullas Branntweinglas.

Leb wohl, o Nymph! Apollo mir gab
dein schönes Bild zu malen.
Nun gingst du fort und nichts mehr ich hab,
was je mein Tuch ließ strahlen.
Doch auf Freias freiem Feld
singen dein Lob die Vestalen,
Vestas Lob im Äther gellt
zu Harfen und Cymbalen.
Hüll dich in dein weißes Tuch,
spinn Garn am Spinnerädchen!
Spinn und sing im Psalmenbuch,
schon glimmt dein Glück, mein Mädchen!
Zeit, sie gleitet,
Zeiger schreitet;
fort von Harm und Besenreis
Amors Schwingen
bald dich bringen
in sein Paradeis.