Hervorragende Verfasser (von anderen ist nicht die Rede) haben wohl
daran getan, im Interesse der Poesie wie ihrer eigenen Ehre zu Lebzeiten selbst ihre Arbeiten zu sammeln und
herauszugeben. Vielleicht gibt es einen noch besseren Weg: diese Vorsorge mit seinen
Freunden zu teilen.
Eines Verfassers wahre Freunde sind die, welche, vereint durch den
Geschmack für dieselben Dinge, eine Seele haben, seine Schriften vollkommen zu erfassen
und wertzuschätzen, Mut, Opferbereitschaft zu bestärken, Neigung, eher zu nützen als zu
schmeicheln; die ihn also lieben, mehr noch als ihn aber seine Ehre.
Oft genügt es nicht für die Ehre eines Autors, daß man über ihn
spricht, weil er etwas geschrieben hat, es ist zuweilen auch nötig, daß man ihn
freispricht, weil er etwas nicht geschrieben oder, was dasselbe ist, nicht gebilligt hat:
Denn welcher Verfasser kann sagen wie Gott: Alles,
was er gemacht hatte, war sehr gut!? Doch ist man, im gelehrten wie im
allgemeinen Sinne, nur Vater der Kinder, die man selbst anerkennt.
Mit diesen Überlegungen sei gesagt, daß das Werk, dessen erster Teil
nun der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird,
kein unbesehen zusammengerührter Brei ist von allem, was der Autor verfaßt hat, nur dazu
bestimmt, dem Verleger Gewinn zu bringen, sondern
vielmehr eine Ausgabe für den gebildeten Leser, eine vom Dichter selbst und gemeinsam mit
seinen Freunden überarbeitete, geprüfte und ausgewählte Sammlung seiner unsterblichen Arbeiten.
Eines jeden Autors Schriften, die im Laufe vieler Jahre auf simplen,
lose herumfliegenden Blättern verstreut wurden,
laufen leicht Gefahr, entweder verlorenzugehen oder mißhandelt, verstümmelt und sogar
ihrem Autor abgesprochen zu werden; um wieviel mehr bestand diese Gefahr bei Schöpfungen
eines Genies, die selten in der Ruhe des Schreibtischs entstanden, sondern in einem
stürmischen Freudentaumel gleich in ihrer Geburtsstunde aus der Hand des Verfassers
flogen, um nie dorthin zurückzukehren, die sich in
Hof und Hütten verbreiteten und vom Munde des Kundigen wie des Unkundigen weitergereicht
wurden, Schriften, die also nur im unsicheren Gedächtnis
bewahrt oder auch von eifersüchtigen Sammlern versteckt wurden; sie wieder hervorzuholen, zu sammeln und zu vergleichen, das
verlangte Hand und Auge des Verfassers selbst.
Was aber allein durch das Gedächtnis weitergegeben wurde, was darum am
leichtesten mit der Zeit verlorengehen, vertauscht,
verdorben werden konnte, war die Musik zu diesen
Werken. Man weiß, daß die meisten von ihnen eine Ehe eingegangen sind mit schon
bekannten Melodien; andere gibt es jedoch, die den gleichen Schöpfer haben wie die Verse,
und fast alle haben mehr oder minder Änderungen und Verbesserungen
durch den Dichter erfahren. Sie für ewig der Nachwelt zu bewahren, bedurfte es einer geschickten Hand, um sie ein für alle Male
nach des Autors Stimme auf Papier zu übertragen; dies ist nun auch geschehen.
Sicher kennt man den Wert dieser Gedichte nur zur Hälfte, wenn man sie
bloß als Gedichte kennt. Nie zuvor waren Dichtkunst und Tonkunst schwesterlicher vereint.
Es sind nicht Verse, die zu dieser Musik geschrieben wurden, noch ist es Musik, die zu
diesen Versen gesetzt wurde, ein jedes hat sich so vollkommen in den Reiz des anderen gekleidet, beide haben sich so zu EINER Schönheit
zusammengefügt, daß man kaum sehen kann, welchem von beiden das andere mehr zu seiner
Vollkommenheit fehlen würde: die Verse, um recht verstanden zu werden, oder die Musik, um
recht gehört zu werden.
Unglücklich der, der kein Auge und kein Ohr hat, diese Werke zu
beurteilen; verbrecherisch aber der, der es wagt,
nach gewöhnlichen Regeln zu untersuchen, was unvergleichlich ist, was ohne Muster war und
ohne Nachfolge bleiben wird. Und diese Dichtungen ganz eigener Art, nicht angelegt nach
einem überlegten Plan, nicht Vers um Vers aufgebaut, zusammengesetzt, poliert, sondern
Augenblicksschöpfungen, Freudenausbrüche, Früchte wahrer Eingebung, die, wenn ich so
sagen darf, wie aus einem Guß dem Flammenschoße der Schöpferkraft entsprungen sind
hat man wohl das Recht, sie Arbeiten zu nennen? sie als verfaßt anzusehen?
sie an den allgemeinen Regeln der Verskunst zu messen? Sage nicht, du kühler Leser, dies
oder jenes sei ein Vergehen gegen die Sprache, den Geschmack ... Besitzt du das Gefühl
des Dichters, das Herz eines Jünglings, so liebe, trinke, singe, und du wirst sehen, wie
diese Fehler sich in Geniestücke verwandeln oder du wirst sie überhaupt nicht
sehen.
Es gibt andere Gesetze, heilige Gesetze: die des Anstands, die der
guten Sitten... Man verwechsle diese beiden Dinge nicht miteinander!
Der Anstand kam; und die Sitten verschwanden.
Nie hat man je lauter nach Anstand gerufen, und nie sind die Sitten so würde
der Deklamator ausrufen verdorbener gewesen. Das ist falsch, übertrieben; es hat
Zeiten gegeben, in denen beide, der Anstand und die
Sitten, verschwunden waren; und ist nicht der erstere ein Zugeständnis an die letzteren?
Aber wir müssen auch zugeben, daß die guten Sitten nicht gerade zunehmen;
während an ihr Äußeres, ihr Gewand oder ihre Maske, ihren sichtbaren Ausdruck in Form,
Sprache und Schrift, kurz an den Anstand, täglich strengere Anforderungen gestellt
werden.
Was diesen Anstand in Sprache und Schrift betrifft, so scheint hier wie
bei vielen anderen moralischen Begriffen die Auffassung der Allgemeinheit noch wenig
gefestigt zu sein. Sicher ist auch, daß diese Auffassung von Stand zu Stand, von Klasse
zu Klasse wechseln wird, ja muß, je nach den verschiedenen Sitten und der unterschiedlichen Bildung. Es kommt jedoch auch zwischen Menschen der
gleichen Geselschaftsschicht oft vor, daß der eine
etwas als höchst unanständig verurteilt, was der andere als eine erlaubte Freiheit
betrachtet. Was ist der Unterschied? Ich will meinen Gedanken mit einer
kleinen Geschichte veranschaulichen:
Vor einiger Zeit befand ich mich in einer zahlreichen
Gesellschaft beiderlei Geschlechts, was man so die gute
Gesellschaft nennt, ja sogar Gesellschaft des guten Tons. Ein junger Mann trat
ein; sein Aussehen schon stimmte fröhlich. Er sprach man war entzückt. Er
erzählte von einigen Abenteuern ziemlich leichtfertiger Natur, und er verwendete eine
äußerst freie Ausdrucksweise; aber all das geschah mit einem Witz, der nur Bewunderung
hervorrief; die tollen Sprünge, die flüchtige Leichtigkeit, und vor allem die
Fröhlichkeit, die einem keine Zeit ließ zu erröten, weil man lachen mußte, und dann
war es schon zu spät dazu, und der Scherz war nur noch Erinnerung und ein neuer folgte.
Selbst die Sittenwächter, ernsthafte Würdenträger, ehrbare Matronen, alt und jung, alle hörten zu und lachten, alle
feierten diesen Mann und baten ihn zu bleiben.
Durch dieses Beispiel verführt, glaubte ein anderer Mann aus der
Gesellschaft, er könne mit einem gleichen Spaß den gleichen Erfolg ernten. Aber die
ähnlichsten Dinge sind einander immer sehr unähnlich. Was die Natur verweigert hat,
sucht die Kunst vergebens zu ersetzen. Seinen Gesichtszügen fehlte das lebhafte
Mienenspiel, diese feurige Sprache der Seele, die oft deutlicher oder besser spricht als
die Sprache selbst, die hier einen Ausdruck verstärkt, da ersetzt, was fehlt, dort die
Eindeutigkeit verschleiert, die ein Zuviel bedeuten
würde. Sein Ton war schleppend, seine Gebärden gezwungen. Das gab seinem Scherz den
Ausdruck des Gewollten, wodurch ein Einfall nie lustig wirkt, obwohl er lustig ist, und
immer verletzt, wenn er frivol ist. Seine Art und Weise schien bei jedem Einfall zu sagen:
Hört her, wie witzig! und, nachdem er ihn losgeworden: Lacht ihr nicht?
Und sie schien zu warnen, daß jetzt etwas komme,
worüber man erröten müsse; und darum errötete man über alles. Unschuldiges wurde
zweideutig, Zweideutiges plump.
Bald begannen alle Fächer zu fächeln, alle Stirnen sich zu runzeln,
alle Münder zu gähnen. Die Frauenzimmer bekamen migraine, und verließen
eine nach der anderen das Zimmer. Die Männer begannen sich über andere Dinge zu
unterhalten. Der unglückselige Spaßvogel schlich
sich davon, und der Gastgeber gab ihm mit bedeutsamer Miene zu verstehen, daß er in
diesem Hause nicht mehr willkommen sei. Es ist gewiß wahr, daß der
Scherz des zweiten, was die Sache betraf, die guten Sitten nicht mehr verletzte als der
des ersten. Der Unterschied lag in der Art und Weise.
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Wie in der Subskriptionsliste erwähnt,
beabsichtigte man zunächst, diese Arbeiten unter dem allgemeinen Titel Der Schwedische
Anacreon herauszugeben, ein Name, der dem Verfasser schon vor langem gegeben wurde,
ihm aber vielleicht nicht genug Ehre antut. Es stimmt, beide Dichter haben die gleichen
Dinge besungen, Wein und Liebe, und beide haben vortrefflich gesungen; das ist jedoch
alles, was sie gemeinsam haben. Sie haben auf dasselbe Tuch gemalt, waren von demselben
Geist beseelt; aber doch: welch Unterschied der Zeichnung, der Farben, der Formen und
Stellungen der Figuren, der Wahl der Szenen! Zart, leicht, verführerisch, fein der eine,
der andere taumelnd, heftig, staunenerweckend, reich. Diese beiden miteinander zu
vergleichen, hieße einen Wasserfall, seine Sprünge, seinen brausenden Schwall über Feld
und Flur, mit einer Quelle vergleichen, die sich sanft und ohne tosende Wogen durch die
Wiese schlängelt.
Man könnte vielleicht, was den Stil betrifft, mit mehr Fug und Recht
unseren Skalden den Schwedischen Pindar
nennen, so kühn ist sein Gedankenflug, so reich seine Phantasie. Doch lassen wir diese
Vergleiche. Sie sind oft schädlich, immer falsch. Durch sie sind Verfasser, nur einseitig
von einer verhältnismäßig schwächeren Seite gesehen, vom Kritiker mit einer Strenge
verurteilt worden, die den Anschein der Ungerechtigkeit
hatte. Laßt uns nie vergessen, daß jedes wahre Genie seine eigene ursprüngliche Form haben muß, daß es nichts anderes sein
kann als sein eigenes Selbst; daß die nutzlose Frage, ob Verfasser einander gleichen,
oft zu der verhaßten Frage führt, wem von beiden der Vorzug zu geben sei, und
daß diese Frage nie entschieden werden kann; daß Genies als unendliche Größen
betrachtet werden müssen und als solche nicht meßbar sind; und daß vor allem die
Allgemeinheit nicht deren Maßstab besitzt. Wir werden dann finden, daß der
höchste Ruhm für jeden hervorragenden Dichter, für Bellman wie für Anacreon, der
ist: Der eine war Anacreon; der andere ist Bellman.
Möge man mir noch eine Wahrheit gestatten!
Wenn Künstler, obwohl von Natur aus Freunde und getreue Richter, dies nicht
immer sind, so liegt eine Hauptursache hierfür zweifellos in dem falschen und beschränkten Urteil der Allgemeinheit, ihrer Gewohnheit zu
vergleichen, ihrem Hochmut gegenüber dem Rang des
Genies, und ihrem allzu geringen Vermögen, dem einen Achtung zu erweisen, ohne sie dem
anderen zu entziehen.
Stockholm, den 6. Oktober
1790.
J. H. KELLGREN