Bellman im immer dichter
gewebten deutschen Sprachgewand
Von Gunnar Hillbom
Die Welle von Bellman-Übersetzungen, die wir in jüngster Zeit erleben dürfen Übersetzungen in so
klassische Literatursprachen wie das Französische, in nordische
und baltische Nachbarsprachen, sogar in Sprachen, die für die meisten von uns bisher
unbekannt waren, wie z.B. das turko-tatarische Tschuvasische, erfüllt uns mit Freude und
manchen von uns sicher mit Staunen: War Bellman wirklich s o einzigartig?
Gewiß, ja, das war er.
Wenn ich an eine der Übersetzungssprachen, das Deutsche, denke,
mischen sich meine Freude und mein Staunen mit Wehmut. 1994 brachte der Verlag Philipp
Reclam jun. in Stuttgart eine komplette Ausgabe von Fredmans Episteln in seiner
billigen Serie Universalbibliothek auf den Markt, eine Zusammenstellung älterer
Übersetzungen, beginnend Anfang des Jahrhunderts mit Felix Niedner. 1995 kam im Verlag
Berlin-Brandenburg Bellman auf Deutsch von Fritz Graßhoff heraus, eine teilweise
recht eigenwillige Nachdichtung, illustriert mit Graßhoffs eigenen Vignetten.
Schon bevor die Reclamausgabe erschien, war Klaus-Rüdiger Utschick
fertig mit seiner kompletten Übersetzung von Fredmans Episteln, einer enormen,
sehr sprachgetreuen Übersetzungsarbeit, die dazu verurteilt war, in den Schatten von
Reclams mächtigem Distributionsapparat und von Graßhoffs bekanntem Dichternamen zu geraten. Ich glaube nicht, daß einer von diesen dreien wußte,
was die beiden anderen taten, aber von einer Sache bin ich überzeugt: Klaus-Rüdiger
Utschick hätte sich nicht abschrecken lassen, auch wenn er es gewußt hätte.
Der glühende Bellmanenthusiast Utschick beabsichtigt nun einen eigenen
Verlag zu gründen, der ein einziges Ziel hat: Bellman in Deutschland herauszubringen. Die
Übersetzung macht Fortschritte: Fredmans Gesänge wurden 1995 fertig; im gleichen Jahr wurde er von Svenska Akademien mit einem Preis und einem Stipendium belohnt. Nun arbeitet Klaus-Rüdiger an Bellmans Religiöser
Dichtung, von der mir bereits ein ansehnlicher Teil vorliegt.
Die Bücher erstellt Klaus-Rüdiger selbst in sehr ansprechenden und sehr preiswerten Desktop-Ausgaben. Wir wollen hoffen, daß er es schafft, diese große,
wichtige Einführungsarbeit weiterzuführen. Und wir wollen
seiner Arbeit das Interesse erweisen, das sie verdient.
Ganz allein ist Klaus-Rüdiger mit seiner Arbeit nicht. Sein
Enthusiasmus, Bellman einem rein deutschsprachigen Publikum
bekanntzumachen, wird von seiner sprachkundigen Frau Ursula geteilt, die wie ich hörte dabei ist, Paul
Britten Austins große Biographie The Life and Songs of Carl Michael Bellman ins
Deutsche zu übersetzen.
Der Artikel ist in Bellmanssällskapets
Hauspostille Hwad Behagas? 4/1996 erschienen.