Bellman über sich und in eigener Sache
Von Klaus-Rüdiger Utschick
Carl Michael Bellman kennt jedermann in Skandinavien. Oder doch nicht? Wie er als
Privatperson war, darüber wissen wir recht wenig. Wir erfahren aus zahlreichen
zeitgenössischen Berichten über Bellman, daß er ein warmherziger Mensch war, freigiebig, humorvoll, spontan, verletzlich. Wir ahnen, daß er
introvertierter war, als es seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Entertainer
eigentlich erwarten lassen. Wo aber hat Bellman seine eigenen Gedanken und Gefühle
niedergeschrieben? Es gibt nur wenige Selbstzeugnisse. Wir besitzen seinen Lebensbericht.
Wir haben eine begrenzte Anzahl Briefe und
Schriftstücke, die er in eigener Sache verfaßt hat. Und wir finden in seinem Werk hier
und da Stellen, die vermutlich eigene Meinungsäußerungen
oder Stellungnahmen enthalten. In diesen Dokumenten begegnet uns der Dichter unmittelbar, als mitfühlender und leidender, als zürnender und
hoffender Mensch.
In dem Brief an Doktor Blad, den Bellman im Frühling 1794 schreibt, gibt er als seine
Adresse an: Königliches Schloß. Er renommiert nicht etwa, nein, er teilt in
ironischer Art mit, daß er im Schuldgefängnis des Schlosses sitzt! Seine Situation ist
wenig hoffnungsvoll: tuberkulosekrank im späten Stadium muß er in einem ungeheizten,
ungesunden Raum zubringen. Unwillkürlich wird man an die Worte erinnert, die er Fredman
zu Mowitz sagen läßt (Fredmans Epistel Nr. 30).
Trink aus dein Glas, der Tod schon deiner harret,
schleifet sein Schwert, steht in der Tür im Nu.
Sei nicht erschreckt, die Grabestür nur knarret
und fällt vielleicht in einem Jahr erst zu.
Mowitz, die Schwindsucht, die zieht dich zu Grabe.
V:cello. - - - Zupf die Oktave,
stimm deine Saiten, sing vom Frühling du!
Die Ähnlichkeit von Bellmans Situation und der in der Epistel geschilderten Situation des
Konstablers Mowitz ist in der Tat bemerkenswert: In diesen Frühlingstagen des Jahres
1794, als Bellman vom Frühling seines Lebens berichtet, hat er nicht einmal mehr ein Jahr
zu leben.
Himmel, du stirbst, dein Husten mich entsetzet,
dumpf widerhallt der Eingeweide Laut;
Zunge ist weiß, das Herz von Angst gehetzet;
weich wie ein Schwamm sind Sehnen, Mark und Haut.
Atme! Welch Dunst, pfui, entsteigt deiner Asche.
V:cello. - - - Leih mir die Flasche,
Mowitz, zum Wohl! Besinge Bacchi Kraut! :||:
Aus seinem Kelch dein Tod in Tropfen fließet,
bei Sang und Spiel ist unbemerkt er da.
Ja, dieses Glas auch Kümmernis umschließet,
glühende Würmer, Mowitz, drin ich sah.
Alles verzehrt ... Deine Augen, die rinnen:
V:cello. - - - Brennts im Darm drinnen?
Kannst du noch rufen Prosit? Prost? Ja! Ja! :||:
Hat Bellman seine Situation bereits im Jahre 1771, als er diese Epistel schrieb, vorausgeahnt und auf Mowitz projiziert? Der war keineswegs
schwindsüchtig und starb 1779 an einem Nierensteinleiden. Der vielseitige und geschickte,
in verschiedenen Handwerksberufen tätig gewesene Mowitz, dem Bellman auch beträchtliche
Fähigkeiten als Musiker und Maler zuschreibt, ist
das Alter Ego von Bellman. Der Dichter unterzeichnete des öfteren Briefe an seine
Freunde mit Movitz, auch den in der Schuldhaft geschriebenen Brief vom 30.
Juni 1794. Der Brief enthält einen Vierzeiler unter einer Zeichnung (möglicherweise von
ihm selbst?), die ihn Pfeife rauchend zeigt.
Wenn sich Widrigkeiten häufen,
wenn der Skald nichts Schönes sieht,
nun, was tut er? Wie man sieht,
raucht er bange lange Pfeifen.
Und wie man ebenfalls sieht, ist sein Humor trotz aller offensichtlichen Bedrückung
ungebrochen. Sogar einige heitere Gedichte stammen aus jener Zeit. Die folgenden
Verszeilen unter einer eigenhändigen Zeichnung sind an den mit dem Dichter befreundeten Hofkämmerer Anders Elfman gerichtet. Die Zeichnung
scheint eine Nachbildung eines Aquarells von Pehr
Hilleström zu sein, dieses zeigt just jenen Anders Elfman (geb. 1743), der wie Bellman
noch im folgenden Winter starb.

An Bruder Elfman den 1. Mai 1794
Erster Mai so seh ich aus,
so als spukte ich im Haus,
doch bevor ins Grab ich fahr,
rauche ich noch dieses Jahr.
Den Antrag, Bellman in Schuldhaft zu nehmen, hatte ein gewisser Nobelius gestellt
ein guter Bekannter der Familie Bellman, der Frau Lovisa
nachgestiegen und abgeblitzt war. Bellman ist zutiefst enttäuscht über solche
Falschheit.
Lies den Katechismus, Kind,
von dem würdigen Swebelius!
Satans Ränke tückisch sind
wie die Listen des Nobelius.
Lern die zehn Gebote rein:
Deinen Nächsten sollst du ehren!
Siehe, Bacchi goldnen Wein
wird der Himmel dir nicht wehren.
Setz dich, doch sei auf der Wacht
sieh dich um, wenn Gläser klingen!
Hinterrücks ein Freund, gib acht,
will dich um dein Leben bringen.
*
Der lange Brief an Doktor Blad, an dem Bellman in diesen Wochen arbeitet, enthält den
ersten Teil seiner Lebensbeschreibung. Er beginnt mit folgenden Sätzen:
Wie ich sowohl von der moralischen wie von der physischen Seite her bekannt bin, das will
heißen von meinem Gemüt, meinem Lebenswandel und meiner Constitution her, so wissen
alle, daß ich ein Herr von sehr wenig Tiefsinn bin und nicht danach frage, ob die Sonne
geht oder die Erde sich dreht. Was ich beteuern kann, ist, daß ich keinem Wesen in der
Natur Böses will, unendlich einen edlen Mann, kleine wohlerzogene Kinder und mit
unaufhörlichem Feuer die Frauenzimmer
und fährt in ironischem, ja scherzendem Tone fort:
esse nach Appetit, wenig und gut, Sonntag Weißkohl, Donnerstag Erbsen,
Samstag Hering.
Nach dieser Auskunft über sich und über seine karge Kost im Gefängnis nennt er,
wie es sich für einen Lebenslauf gehört, Geburtsjahr, Taufpaten und
Elternhaus. Über seine Mutter, für die er ein tiefes Gefühl der Verehrung und Zuneigung
hat, schreibt er:
Meine Mutter war schön wie der Tag, unendlich gut, charmant in ihrer Art, sich zu
kleiden, gut gegen alle Menschen, angenehm im Umgang, besaß eine vortreffliche Stimme und
hatte sich daran gewöhnt, 21 mal im Kindbett zu liegen honi qui mal y
pense , aber dieses Kinderspiel war des Hauses Ruin.
An den Unterricht, den er wie im Bildungsbürgertum üblich privat erhielt, hat er nicht
nur gute Erinnerungen; der Mathematikunterricht war ihm ein Graus.
Heute noch mein Hirn verzieht sich,
denke jemals an Euklid ich
und an die Triangula
a b c und c d a
von der Stirn der Schweiß ergießt sich
ärger als auf Golgatha.
Als 19jähriger lernte er, wie er uns weiter berichtet, die Wirkung des Alkohols kennen.
1759 war ich zum ersten Mal vollgeladen und ordentlich bezecht, schlafend auf Mutters
Knien, nachdem ich mir bei dem holländischen Minister Martewill im Stadtteil Söder in
der Nachbarschaft meiner Eltern einen Pontac-Rausch angetrunken hatte.
Ich kam selig heim schon spät
nachmittag so gegen viere,
als zu abendlich Gebet
man die Leute sah spazieren,
und in Spitzenhäubchen sah
meine Schwestern sich verneigen,
aber mich gerötet steigen
zu den Röcken von Mama.
Mein Carl Mickel, sie mir spricht,
sag mir, wo du warst, mein Knabe?
Mutter, ach, erfahrn ich habe
ne Portion zu groß für mich.
Ja, mein Calle ja, ich sehe,
lehn den Kopf, der dir ist schwer,
auf mein Knie und leg dich her!
Mutter will dir niemals wehe.
Ist es da verwunderlich, daß mein ganzes Wesen, jeder kleinste Gedanke, jeder Atemzug
mein unglückliches Dasein ermuntert, von ganzer Seele die Frauen zu lieben? Gottes Zorn
komme über mich, wenn ich nicht entzückt bin von einem alten zerrissenen Unterrock mit
allen seinen Fetzen auf dem Abfallhaufen am Packartorg. Ich sehe eine Liebesgöttin
in jedem Floh und einen Amor in jedem weggeworfenen Unterteil; ein niedergetretener Schuh,
mein Gott, eines Frauenzimmers Sohle, auf der sie über den Gemüsemarkt wanderte, gibt
meinen Augen mehr Leben und Wollust, als der Lorbeer, mit dem man mich auf der Medaille
ehrte.
An dieser Stelle schließt der Brief mit dem Versprechen, die Memoiren fortzusetzen.
Continuation
demnächst über Schelmenstück,
Liebe und mehr
pro sit Bruder Blad!
*
Im folgenden Brief, der angekündigten Fortsetzung, findet sich ein köstlicher Bericht
über einen unfreiwilligen Schiffsausflug des jungen Bellman nach Strängnäs.
Im Sommer 1759 ging ich eines Abends, in einem Rock, den meine Mutter selbst gewebt
hatte denn sie war auch eine gute Hausfrau hinunter
zur Munkbron; die Glocke schlug siebenmal vom Glockenturm der Maria-Kirche, die im Juni
(Juli!) desselben Jahres abbrannte. Ich ging also in meinem blauen Rock, nach der Mode der
Zeit mit halblangem Ärmel und Hemdbrust. Nachdem ich ein paar Stunden die Yachten
betrachtet hatte, die die Aussicht auf die kytherischen Ufer des Mälarsees verschönten,
kam der bekannte lateinische Sänger Lövensköld daher, zusammen mit dem berühmten
Sprecher des Reichstags von 1756, Bedinus Renhorn, um an Bord einer Yacht nach Arboga zu
gehen, wo Renhorn sein Amt als Bürgermeister antreten sollte. Ich hatte seine Tochter
[...] im Zitherspiel unterrichtet, selbst spielte ich dieses Instrument damals
unvergleichlich gut. Dieser unbedeutende Umstand führte dazu, daß der Herr
Bürgermeister mich einlud, in die Kajüte zu kommen, was ich auch tat. Ich setzte mich
sogleich ans Ende eines kleinen Klapptisches, sah aus dem Fenster hinaus auf die vielen
Schiffe, die mit geblähten Segeln und glatten Kielen die im Abendlicht schimmernden Wogen
durchschnitten. Ruderboote mit schönen Mädchen an Bord fuhren dazwischen herum. Andere
reizende Mädchen hockten mit halb entblößten Brüsten zwischen ihren Waschbütten, und
ihre Waschhölzer schienen zu rufen: et ab hoc et ab hac et ab illa
Der Heuvermesser in seinem sonnenfarbenen Hemd stieg auf den viereckigen
Heuballen herum. Die Kutscher striegelten die wiehernden Pferde vor den Heuwagen, und die
Hökerinnen von der Munkbron stritten sich mit den Rudermadamen über die Wahl des Kaplans
für Sankta Maria. Nun wurden Pfeifen und Tabak hervorgeholt, und der Herr Kammerrat
Löfvensköld, dieser Ehrenmann, stopfte mir meine allererste Pfeife, die ich einem
Mädchen widmete, das sich und mir die Ehre erwies, dies anzunehmen. Bürgermeister
Renhorn, ein 56jähriger Tyrann, fuhr seinen Knecht mit harten und scharfen Worten an;
darauf befahl er, einen Kupferkessel mit warmem Wasser, Arrak und Zitronen herbeizubringen
und machte daraus einen Punsch, von dem der Teufel selbst, wenn er nicht daran gewöhnt
gewesen wäre, wahrlich so schwindelig geworden wäre, daß er sechs Wochen lang nicht
heimgefunden hätte.
Ich rauche, ich trinke, ich schlummere ein, ich erwache. Der Wind bläst, Löfvensköld
nickt, Renhorn übergibt dem Deck den Verzehr von gestern, und der Knecht liegt wie ein
Cherubim auf einer Neujahrskarte ausgestreckt an der Reling. Wirr im Kopf betrachte ich
die Reste von Butterbroten, Zitronenscheiben und
anderen bacchanalischen Reliquien auf meiner Hemdbrust, und mir wird bange beim Gedanken
an meine braven Eltern. Ich sehne mich nach Hause und blicke aus dem Kajütenfenster, aber
statt der Kirche Maria Magdalena sehe ich, o Himmel! im Morgengrauen den Turm des Doms von
Strängnäs gen Himmel ragen; der Wimpel hing schlaff am Mast herunter, der Schiffer,
barfuß, knöpfte sich die Hose zu, und ein Jäger, der unser Mitreisender gewesen war,
nahm die Mütze ab und grüßte: Gu Morjen! (Übers. Ursula Menn-Utschick)
*
Zu dieser Zeit hatte Carl Michael seine Studentenzeit schon ein halbes Jahr hinter sich.
Im Herbst 1758 hatte er sich an der Universität von Uppsala eingeschrieben, aber bereits
zu Weihnachten brach er sein Studium ab und trat kurz darauf das Volontariat bei der
Reichsbank an. Man kann wohl mit Recht vermuten, daß Bellman am Studium keinen Gefallen
gefunden hatte. Vielleicht fühlte er so wie sein Held Movitz, der in Fredmans Gesang 28
die Lehrbücher von Pufendorf und Grotius in die Ecke schleudert und die
Colloquia (Lehrbücher in Dialogform) sowie die Varianta des
Pädagogikprofessors Zopf bei einem Wirt verpfändet:
Mit erzürnter Miene trug
er Pufendorf und Grotius,
an die Wand mit Wut sie schlug,
verbiestert wie Stygotius,
sang: Hurra,
schrie: Wer da?
ließ dem Wirt zum Pfand da
Lexika, Colloquia
und Zopfens Varianta.
*
Schon der junge Carl Michael steckte in Geldnöten. Als Volontär bei der Reichsbank bezog
er kein Einkommen, und bald wuchsen ihm die Schulden über den Kopf. Nach vier Jahren
beliefen sich seine Verbindlichkeiten auf die horrende Summe von 18.000 Talern. So befand
er sich als 23jähriger auf der Flucht vor Schuldeneintreibern und drängenden
Gläubigern; Sidenström war einer von ihnen, Blomberg ein anderer. Überall waren sie ihm
auf den Fersen, und hartnäckig setzten sie ihm zu:
Gun Tag, sagte Sidenström, gun Tag, Herr Sektär!
Ich komme so dreist vergebt die Beschwer! ...
Hier saust und springt Blomberg, und ich spring und saus,
von morgens bis abends, tagein und tagaus.
Solche aufdringlichen Gläubiger waren weithin gefürchtet, björnar nannte
man sie in Schweden, zu deutsch Bären, grobe Gesellen also! Bellmans
resignativer Galgenhumor und seine Verzweiflung
offenbaren sich in der folgenden Strophe, die zu dem 1764 verfaßten Fredmans Gesang Nr.
20 gehört:
Endlich sinkt mein matter Schatten
wie die Blume in den Grund.
Meine Hülle unterm Spaten
findet Ruh in dieser Stund.
Leb wohl, Schönheit und Gepränge,
Hoffnung, Glücke, Glanz und Licht!
Himmel, wenn auch Blomberg dränge,
öffne ihm meine Grabtür nicht!

*
Unter den Gedichten Bellmans gibt es einige, in denen er die schlimmen politischen und
sozialen Zustände der ausgehenden Freiheitszeit beklagte. Es war eine Zeit,
in der die Königsmacht verfiel und der Adel sich immer größere Freiheiten herausnahm.
Korruption hatte sich breitgemacht, wirtschaftliches Elend bis in das gehobene Bürgertum
hinein war die Folge
Doppelkinn und Wampe dick,
samtner Wams und sattes Glück,
voller Beutel, Lockperücke,
spansches Rohr und goldne Krücke.
Prächtig, prächtig, meine Herren, prächtig!
Rote Backen, frisch und voll,
Große Schiffe, Tonnen Gold!
Schuld und Skrupel brav ertragen,
wie den Brand in Hals und Magen.
Kleinkram, Kleinkram, meine Herren, Kleinkram.
Marmorboden, goldnes Dach,
Kabinette, Schlafgemach,
Bowle, Punsch fürs Eingeweide,
Herz voll Dornen, Gift und Neide.
Kleinkram, Kleinkram, meine Herren, Kleinkram.
Armut sehen, Plackerei,
Weinen hören, Wehgeschrei
doch die Bitten dort verhallen,
wo Champagnerkorken knallen.
Hurtig, hurtig, meine Herren, hurtig.
Chapeau bas, den Beutel hoch,
etwas Hochmut hat man noch;
zum Gemeinwohl etwas sagen,
Purzelbaum schlußendlich schlagen.
Endlich, endlich, meine Herren, endlich.
*
Als 1771 König Gustaf III, der Neffe Friedrichs des Großen, den schwedischen Thron
bestieg, erhoffte und erwartete Bellman von ihm eine menschlichere und gerechtere Ordnung
und den Sturz der korrupten Adelsherrschaft:
Gustafs Wohl!
Der beste König, der uns eigen,
sieht mit Groll
die Waage ungleich neigen,
froh und gut
den Rat der Wut verachtet,
beobachtet
und betrachtet
der Toren Übermut.
Solch Monarch
ist wert zu herrschen über Schweden,
jung und stark,
nicht ratlos in den Nöten.
Vasa Art
nicht ist es zu verzagen,
zu versagen,
doch zu wagen,
geht es hart auf hart.
*
Am 29. Juli 1773 kam der tripolitanische Abgesandte Haggi Abderrahman Aga zur
Abschiedsaudienz beim Reichsrat Falckenberg. Der Aga kassierte Tributzahlungen, damit
schwedische Schiffe nicht von den Piraten der Barbareskenstaaten ausgeraubt würden.
Bellman kritisierte diese Schutzgelderpressung in scharfer Form. In seinem Lied Abschied
des tripolitanischen Gesandten skandiert er: Sieh da, der TurbanTürke, / milde lächelt er; / der mörderische
Schurke. Ohne Umschweife nennt er ihn beim Namen und klagt ihn rundheraus der
Piraterie an: Da, mit der roten Kutte, / sag, wie heißt er, wie? / Ein Schlächter,
rot vom Blute, / Aga aus Tripoli. / Alarm! Piraterie!
Seht an den Muselman,
mit Perlen, goldnen Schnallen,
seht Schmuck am Turban strahlen
und Gold am Wagen prahlen,
seht den Piraten an!
Er keucht, bläht auf die Backe,
seht den Satan an!
In seinem Beutesacke
häuft er Schätze an,
(Tromb.) um danach heimzufahrn.
*
Der Sommer 1773 war heiß und schwül. Eines Tages, als der Dichter am Tisch saß, ein
schönes Mädchen neben ihm, verdunkelte sich der Himmel, und ein Gewitter brach los.
Bellman, dem große Angst vor Gewitter nachgesagt wurde, ließ sich zu folgenden Versen
anregen, die in den Zeitungen Hwad Nytt? Hwad Nytt? und Dagligt Allehanda
abgedruckt wurden:
Als Jofurs Donnerblitz, daß Schrecken er verbreite,
zur Erde niederschlug und Sturm ließ tosend wehn,
man den Poeten sah an seiner Schönen Seite
und küssen ihre Hand und Vaterunser flehn.
Zwar bitter ist der Tod, wenn einst das Herz zerspringet,
doch glücklich stürbe ich in Zephis schönem Arm.
Ich brauch nicht Arzt, Kaplan, der mir die Ölung bringet,
wenn sie nur weint um mich und spricht von mir mit Harm.
Das war für die Kirche Anlaß genug, Bellman vor das Konsistorium zu zitieren, und nur
dem König hatte er es zu verdanken, daß er glimpflich mit einer Ermahnung davonkam.
Bellman faßte seine Verachtung für die heuchlerischen Kirchenfunktionäre in drastische
Verse:
Stoß ins Horn! Sieh den Teufelsbraten,
wink herein den verkappten Satan,
den bemäntelten Leviathan
in eines Hirten Gewand!
In der Gasse sieh ihn lauern
und nach Hörnern und Jungfern schauen,
ja, er sucht hinter Zaun und Mauern
Paphos schönen Strand!
Paulus himmelt, träumt, begehret,
gegen mich aber schäumt und gäret,
der seine Iris treu verehret,
glüht in Liebesbrand.
Laßt in Lust uns baden!
Schmeißen wir die Pfaffen aus dem Land,
denn sie bringen Schaden
mehr als Pest und Brand!
Baßviolen bullern,
und wir tanzen froh im Kreis herum.
Die Magister kullern,
das macht uns nicht krumm.
Laßt uns tollen bis in den Morgen
und vergessen alle Sorgen,
Lust von Freia und Bacchus borgen,
bis die Welt stürzt um.
Immer wieder hatte Bellman Ärger mit der Kirche. Dabei war er, wie seine religiösen
Gedichte und Übersetzungen deutscher Kirchenlieder bezeugen, im Grunde seiner Seele ein
gläubiger Christ.
*
Bellmans größtes Problem war aber nach wie vor sein unzureichendes Einkommen. Aus der
Zeit nach 1774 stammt das folgende Gedicht, in dem er seine finanzielle Situation
ungeschminkt darstellt. Was nützt ihm der statusträchtige rote Sekretärsmantel, wenn er nichts zu essen hat? Gewiß, er konnte
manches auf Pump bekommen, aber die Krämer, die
Kutscher und auch Madame Platen, die ein Freudenhaus
führte, mahnten hartnäckig:
Was hab ich zu verzehren,
ich armer Sekretär?
Auch ich muß mich ernähren
wie andre Menschen mehr.
Ich hungere und giere,
mit Hut und schön perückt,
im roten Mantel friere,
der leere Magen zwickt.
Mein Portjuchhe ist mißlich,
hat weder Geld noch Gold,
und den Brillantring schließlich
der Teufel hat geholt,
mein schöner Messingdegen
verpfändet für nen Fisch,
ich hoffe, nach Norwegen
am Ende ich entwisch.
Mit Weste, Hut und Franse
auf mondbeglänzter Au
ich doch für Chloris tanze
wie eine bunte Sau;
von Auerhahn ich schwärme,
von Ente und Fasan
und nähre meine Därme
mit Brot, getunkt in Tran.
Mal trifft man Kameraden,
nen Kutscher auf dem Bock,
ein andermal Frau Platen,
die haben mich am Rock
mit ihrem alten Liede:
Gebt hübsch die Münze her!
Ich sag: bin bald liquide,
schreibt hübsch auf, bitte sehr!
So macht man schöne Worte,
wenn Bären kommen nah,
doch die sind von der Sorte,
die säuselt chapeau bas:
Herr Sekretär, mein guter,
Ihr habt doch Rock und West
und schönes Seidenfutter?
Iam consummatum est.
Wohin soll ich mich wenden,
ich bettelarmer Mann?
Es rückt von allen Enden
die Bärenmeute an!
Die Tür zu meiner Kammer
geht auf gleich auf der Stell,
sie rücken mir o Jammer!
aufs arme Schreiberfell.
*
Da endlich schimmerte ein Lichtstreif am Horizont! Im Dezember 1775 wurde die Stelle eines
Sekretärs der Kgl. Nummernlotterie frei. Bellman richtete einen verzweifelten Appell an Gustaf in der Form eines Versbriefes:
Wenn Eur Majestät gewähret
dem geringesten Poet,
daß er wieder aufersteht,
aus dem Sang ins Leben kehret,
mit Champagnerglase klingt,
wenn des Skalden matte Zunge
dann gelabt, in frischem Schwunge
mit Dalin und Gyllnborg singt,
ja, so will ich mit der Leier,
ihrem Klange, sanft und sacht,
flehen an des Glückes Macht,
teuer mir, doch nicht geheuer
von der Wiege bis zum Grab.
Glücks Altar ist zwar bereitet,
doch ums Glück die Menge streitet,
schließt vor mir den Tempel ab.
Wo Gewinne sind zu wagen,
möcht in Dienst und Lohn ich stehn;
doch die Göttin, reich und schön,
lässet keiner Schimmer tagen
hier in diesem düstren Loch.
Wenn Eur Majestät doch billigt,
was das harte Glück bewilligt,
stirbt der Dichter heuer noch.
Der König reagierte sofort. Noch am 27. Dezember schrieb er einen Brief an die Baronin
von Stjerngranat, Gattin des Direktors der Königlichen Lotterie, und bat sie, bei ihrem
Gemahl Bellmans Fürsprecherin zu sein. Anfang des neuen Jahres, 1776, erhielt Bellman
tatsächlich eine Anstellung als Sekretär der Kgl. Nummernlotterie, eine Sinekure mit
einem Gehalt von tausend Silbertalern jährlich und dem Titel eines Hofsekretärs.
*
Bellman konnte nun im Alter von 35 Jahren endlich dem Gedanken an eine Eheschließung nähertreten. Im Sommer 1775 hatte er im Hause
seines Schwagers Arrhén von Kapfelman die 18jährige Lovisa Fredrika Grönlund,
kennengelernt. Bellman war von ihr hingerissen. Insgesamt siebzehn Gedichte an sie sind
uns erhalten. Am 13. Februar 1776 hielt er um sie an mit Versen, deren Anfangsbuchstaben
ihre Vornamen LOVISA FREDRIKA ergaben.
Lebens Mühsal wär vergebens
Ohne Eheglück gewiß,
Vor der Niedertracht des Lebens
Ich mit dir entflieh, Louise.
Schönste Freundin! Diese Flamme,
Angefacht, nie endet je!
Find ich fern dich, fühl ich Jammer,
Reines Glück, wenn ich dich seh.
Ewig will ich dir mich weihen,
Dich nennt jeden Tag mein Mund,
Redet keine Schmeicheleien.
Immer Dein! Von dir entzweien
KAnn mich nur die Todesstund.
*
In dem in Fredmans Gesang Nr. 65 eingefügten Brief an den Kgl. Sekretär
Elis Schröderheim anläßlich der Reise des Königs nach Rußland, im Jahre 1777
begegnet uns ein tief enttäuschter Bellman. Die richtige Datierung allerdings, so weist
es das handschriftliche Fragment des Originals ebenso wie die späteren Umarbeitungen aus, war der 5. Juni 1775. An diesem Tag
begab sich der König auf eine Reise in die finnischen Provinzen des Reiches. Bellman
hatte gehofft, an dieser Reise teilnehmen zu
dürfen, eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. Der Versbrief beginnt mit den Zeilen:
Traurig,
mein Bruder, schau ich zum Strand, wo Wellen vom Mälaren fließen;
wäre
mir doch wie andren vergönnt, dem König mich anzuschließen,
könnte
wie andre in seinem Kiel mit Bootsleuten klettern in Tauen
und in
der wogenden gischtenden See die Wellen, die brausenden, schauen,
die
Flagge des Königs besingen beim Glas, ihm wünschen, die Fahrt möge glücken,
auf
meiner Laute zum Ruhm des Monarchs, das Auge mit Tränen schmücken.
Nach diesen sechs Einleitungsversen malt Bellman in den folgenden einhundertvierzehn Versen das Bild eines elysischen, mit Göttern und
mythischen Wesen belebten Stockholm und das
grandiose Schauspiel der Abreise des Königs. Dann wendet er seine Gedanken vom Getümmel
der Stadt zur Abgeschiedenheit des Landes mit seinen schlichten und frommen Menschen. Und
er endet seinen Brief mit einem wehmütigen Zutrunk an Schröderheim und welch
eigentümlicher und anrührender Kontrast! mit einem freudig donnernden, von
Hörnerklang begleiteten Skål der Bootsleute auf den König:
Elis, gut Nacht! ich trink auf dein Wohl den letzten Tropfen der Flasche.
Still meine Qual, nimm die Leier zur Hand; nicht länger ertrag ich die Feier.
Hoch leb der König, geliebet und groß! Leb wohl! Dort ist meine Leier.
Mond geht auf, und Donner grollen,
dunkel liegen Strand und Mol,
Wimpel flattern an den Jollen.
Freudenrufe und Gejohl.
(Corno)
Hurra! des Königs Wohl!
Die Hüte schwingt
und trinkt!
Hurra! Ein volles Skål!
Des Königs Wohl! :||:
*
Bellman war nun, 38jährig, auf der Höhe seines Ruhms, und man sprach von ihm als dem
Schwedischen Anakreon. Da veröffentlichte Johan Henrik Kellgren, der neue
Star der schwedischen Kulturszene, im Jahre 1778 sein brillantes satirisches Gedicht Mina
löjen (Mein Spott), in dem er auch Bellman aufs Korn nahm: Anakreon,
wo ist dein Lob? / Ein andrer raubte dir die Leier, / der quick in seines Rausches Feuer /
entzückte bald Priapi Hof, / der Unzucht treibt dort mit Chrysippen / und mit belesnen
Eslein spielt, / aus Schwedens Wirtshaus-Aganippen / mit Doppelbier die Adern füllt, /
des Musen sich im Spinnhaus nähren, / um dessen Grazien Säufer frein, / und den
die Platschen Jüngferlein / des Liebesgottes Sprache lehren. Bellman, von
solcher Häme tief getroffen, schrieb an Frau Schröderheim:
Ich singe meine Lieder
und meine Laute schlag,
doch bald es nicht mehr wag.
Ein Kellgren spitzt die Feder
gen mich in Stadt und Hof.
Birg dies vor seinem Hohne!
Nein! mich schert nicht die Bohne
sein Tadel oder Lob.
Aber trotz seiner gegenteiligen Beteuerung war Bellman offensichtlich tief beunruhigt.
Bangte er um seinen Ruf bei Hofe? Möglicherweise gar um seinen Lebensunterhalt? Der Quell
seiner bacchanalischen Dichtung schien jedenfalls für eine Zeit versiegt zu sein; dagegen
veröffentlichte er noch im gleichen Jahre sieben geistliche Gedichte.
*
1787 erschien der erste Teil von Zions Högtid (Zions Fest)
poetische Betrachtungen zu den Evangelien der Sonn- und Feiertage. Diese Gedichte waren
von einer feurigen und zugleich kindlichzarten Gläubigkeit erfüllt, die nichts
gemein hatte mit jener erbarmungslosen Strenge, von der die schwedische Amtskirche damals
geprägt war. Nicht Furcht vor der Verdammnis, sondern Trost und Hoffnung wollte der
Dichter den Menschen geben. Das bekundete er mit dem folgenden Geleitwort:
Mit dreister Hand ich hiermit wag,
diesen Band zu übergeben,
der die Herzen will erheben,
mildern ihren wilden Schlag.
Diese Hoffnung mich befeure,
Ehrfurcht meine Leier rühr,
denn ich weiß und es beteure
daß ich leb und sterb allhier.
*
Kurz nachdem Bellmans drittes Kind, Carl, geboren wurde, starb der zweite Sohn, Elis. Am
8. August 1787 schrieb Bellman das Wiegenlied für meinen Sohn Carl zu einer
mittelalterlichen Moll-Melodie.
Kleiner Carl, schlaf süß in Fried,
bald wird man dich wecken,
bald läßt unsre Zeit perfid
dich ihre Galle schmecken.
Erde ist ein Jammertal:
Kaum man atmet, kommet fahl
Tod mit seinem Schrecken.
Dort, wo eine Quelle floß,
vorbei an Roggengarben,
sah ein kleiner Gernegroß
sein Bild in schönsten Farben.
Kaum die Linien er gesehn
in der Welle, klar und schön,
als sie schon erstarben.
So flieht unsre Lebenszeit,
und schwinden unsre Jahre;
kaum man atmet, frisch, erfreut,
so liegt man auf der Bahre.
Kleiner Carl, bedenke dies,
wenn du Frühlingsblumen siehst,
holde, wunderbare.
Schlaf, mein Kindlein, schlafe ein,
sollst groß und tüchtig werden;
wenn du aufwachst, baun wir fein
dir Schlitten mit zwei Pferden,
und aus Karten Haus und Turm
stellen auf und blasen um,
und ein Liedlein lernen.
Mamma hat fürs Kind am Bett
Goldmantel, goldne Schuhe,
und wenn Carl ist lieb und nett,
kommt Pappa in die Stube,
gibt Namnam dem kleinen Kind.
Schlaf, mein Kindlein, schlafe lind,
süß im Bettchen ruhe!
*
Das sicherlich einschneidendste Ereignis für Bellman war das Attentat auf König Gustaf
in der Nacht vom 16. auf den 17. März 1792. Carl Palmstedt, der Sohn des Stadtarchitekten
Erik Palmstedt, berichtet: Mein Vater, der früh morgens ausgegangen war, kam weinend heim. Seine Trauer wurde von
meiner Mutter lebhaft geteilt, und bald fand sich meines Vaters Jugendfreund Bellman ein.
Tränen und Ausrufe tiefster Betrübnis wechselten einander ab. Bellmans tiefe Trauer
schlug sich in dem folgenden Gedicht nieder, das er am Tage nach dem Hinscheiden des
Königs schrieb.
Augen baden sich in Tränen,
Busen seufzt von Weh beschwert,
Seele aller Kraft entbehrt,
Sinn und Geist verirrt sich wähnen,
und Vernunft ist übermannt,
Liebe hat nichts mehr zu hoffen,
Tod steht stumm und hält betroffen
seine Sanduhr in der Hand.
Nein, es war nicht Todes Kälte,
die man hier beklagen muß;
nicht der Tod kann für den Schuß,
der den milden König fällte,
nein! er fiel dem Neid zum Raub.
Möge Gott uns Tröstung geben,
da wir klagend uns erheben,
und beweinen deinen Staub.
*
Der Tod seines mächtigen Gönners, des von ihm so glühend verehrten Königs, war eine
Tragödie für Bellman. Er wurde nicht mehr gebraucht, und kein Gustaf hielt seine
schützende Hand über ihn, um ihn vor der Schuldhaft zu bewahren. Als Bellman am 17. Juni
1794 das Schloßgefängnis verließ, war er vom Tode gezeichnet.
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Frau Kempensköld, Frau Skytte,
Fräulein Lövling,
Major Kempensköld, Lieutn. Stiernflyckt
und dem freundlichen Pastor, von dem
Sie gesprochen haben.
17. Juni 1794.
Teure Freunde, Movitz Blick
schweift vom Lager euch entgegen.
Nun, nach langen Leidenswegen
winkt der Freiheit holdes Glück.
Vivat Movitz! Glück dem Armen
die Geschwisterliebe gibt:
Freunde schenkten ihm Erbarmen,
die ihn lieben, die er liebt.
Movitz |
Im Herbst desselben Jahres sammelte er seine engsten Freunde um
sich und sang noch einmal für sie, an jeden wandte er sich mit einer Strophe, die zu dem
Betreffenden paßte. Danach sang er nie
wieder. (Zit. n. Austin) Waren es abgewandelte Strophen des berühmten Tischliedes?
So trotten wir gemach und fromm
von Bacchi Trubel und Tumult.
Und wenn der Tod ruft: Nachbar, komm,
dein Stundenglas ist voll
dann, Alter, wirf die Krücke fort,
und Jüngling, höre mein Gesetz:
Die Nymphe, die dir lächelt dort,
nimm in die Arme jetzt!
Dünket dir zu tief der Grund des Grabs,
nun wohlan, so nimm getrost nen Schnaps,
trink noch einn oder zwei oder drei hinterher,
dann stirbst du fröhlicher!
* * *
Literatur: Carl Michael Bellman, Standardupplagan, VIII - XII, Dikter till de
enskilda I bis V;
Paul
B. Austin, Carl Michael Bellman, Sein Leben und seine Lieder.
Der hier leicht gekürzte Beitrag wurde am 1.12.2000 als Vortrag vor der
Deutsch-Schwedischen Gesellschaft in Wismar gehalten und erschien 2001 in Heft 1 der
"Beiträge zu Bellman". |